Was die Forschung wirklich über ADHS sagt – und warum das für euren Alltag wichtig ist
Zwillingsstudien, Gehirnforschung und offizielle Diagnosekriterien zeigen: ADHS ist keine Erziehungsfrage. Was das für dich bedeutet, liest du hier.
ADHS ist keine Erziehungsfrage – das zeigen Zwillingsstudien
Eine der zentralen Fragen der ADHS-Forschung lautet: Wie viel davon ist angeboren, wie viel ist Umwelt? Die Antwort liefern Zwillingsstudien. Dabei vergleicht man, wie oft eineiige Zwillinge (identisches Erbgut) gemeinsam eine Diagnose haben im Vergleich zu zweieiigen Zwillingen.
Faraone und Larsson werteten 2019 in der Fachzeitschrift Molecular Psychiatry die Ergebnisse von 37 solcher Zwillingsstudien aus.
Damit zählt ADHS zu den am stärksten genetisch beeinflussten psychiatrischen Störungen überhaupt – ähnlich hoch wie die Erblichkeit von Körpergröße. Auch Adoptionsstudien stützen dieses Bild: Biologische Eltern von Kindern mit ADHS sind selbst deutlich häufiger betroffen als deren Adoptiveltern.
Ein Gehirn, das anders reift
ADHS wird heute als neurobiologische Entwicklungsstörung eingeordnet. Im Zentrum steht der präfrontale Cortex – der Bereich, der für Impulskontrolle, Planung und Selbststeuerung zuständig ist. Bei Kindern mit ADHS reift dieser Bereich verzögert. Gleichzeitig ist die Signalübertragung der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin verändert, die für Aufmerksamkeit und Handlungssteuerung wichtig sind.
Das erklärt, warum Ermahnungen wie „Reiß dich doch mal zusammen“ bei ADHS-Kindern oft ins Leere laufen: Es fehlt nicht am Willen, sondern an der neurologischen Ausstattung, die diese Selbststeuerung ermöglicht.
Was die Diagnosekriterien wirklich verlangen
Nach DSM-5 und ICD-11 reicht es nicht, dass ein Kind „viel Energie“ hat. Die offiziellen Kriterien sind bewusst streng gewählt:
Zeigt sich ein Verhalten nur in einem einzigen Umfeld – etwa nur zu Hause oder nur in der Schule – deutet das eher auf andere Ursachen hin. Diese Kriterien helfen, sowohl Über- als auch Unterdiagnostik zu vermeiden.
Quellen
- Faraone, S. V., & Larsson, H. (2019). Genetics of attention deficit hyperactivity disorder. Molecular Psychiatry, 24(4), 562–575.
- Sprich, S., Biederman, J., Crawford, M. H., Mundy, E., & Faraone, S. V. (2000). Adoptive and biological families of children and adolescents with ADHD. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry.
- AWMF (2018). S3-Leitlinie „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter“, Register-Nr. 028-045.
- American Psychiatric Association: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5th Edition (DSM-5).