Eltern, Schule, Schulbegleitung: Zusammenarbeit bei ADHS | Wachstumsakademie Sonja Warnke
Zusammenarbeit & Praxis

Eltern, Schule, Schulbegleitung: Warum Zusammenarbeit bei ADHS kein Nice-to-have ist

Die offizielle S3-Leitlinie empfiehlt ausdrücklich abgestimmte Eltern- und Lehrerschulungen. Was das für die tägliche Praxis bedeutet – für Eltern und Schulbegleitungen gleichermaßen.

Ob du dein Kind mit ADHS durch den Alltag begleitest oder als Schulbegleitung täglich mit einem ADHS-Kind arbeitest: Vermutlich kennst du das Gefühl, allein an einer Aufgabe zu sitzen, die eigentlich ein Team braucht. Genau das bestätigt auch die Forschung – und macht deutlich, warum Zusammenarbeit hier kein netter Zusatz ist, sondern Teil der eigentlichen Behandlung.

Was die offizielle Leitlinie sagt

Die S3-Leitlinie „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter“ – die höchste Evidenzstufe für medizinische Leitlinien in Deutschland – empfiehlt ausdrücklich ein multimodales Behandlungskonzept. Verschiedene Maßnahmen sollen kombiniert und aufeinander abgestimmt werden, statt isoliert nebeneinanderher zu laufen.

Besonders bemerkenswert: Die Leitlinie richtet sich explizit nicht nur an Ärzt:innen und Therapeut:innen.

Für ElternElterntrainings gelten als zentraler Baustein multimodaler Behandlung.
Für SchulbegleitungenLehrkräfte, Sonderpädagog:innen und Schulpsycholog:innen werden explizit als Zielgruppe genannt.
Zeigt sich eine ausgeprägte ADHS-Symptomatik auch im schulischen Umfeld – wie es in der Regel der Fall ist – sollen Schulungen für Lehrkräfte parallel zu und inhaltlich abgestimmt mit Elterntrainings stattfinden.

Warum getrennte Welten selten funktionieren

In der Praxis erleben viele Familien und Fachkräfte das Gegenteil: Eltern lernen in einem Seminar bestimmte Strategien, während die Schule mit völlig anderen Konzepten arbeitet. Eine Schulbegleitung setzt Regeln um, die zu Hause anders gehandhabt werden. Das Kind erlebt dadurch widersprüchliche Erwartungen – ausgerechnet in einem Bereich, in dem klare, konsistente Strukturen besonders wichtig sind.

Die Leitlinie betont deshalb auch die sogenannte Psychoedukation: Alle relevanten Bezugspersonen sollen ein gemeinsames Verständnis von ADHS entwickeln, auf dessen Grundlage sie handeln.

Was das für die tägliche Praxis bedeutet

1
Eine gemeinsame Sprache entwickeln. Wenn Eltern und Schulbegleitung dieselben Grundbegriffe und Erklärungsmodelle nutzen, wirken Maßnahmen konsistenter – für das Kind spürbar.
2
Strategien abstimmen statt parallel erfinden. Was zu Hause bei Wutausbrüchen hilft, sollte möglichst auch im Schulkontext greifen – und umgekehrt.
3
Informationsfluss aktiv organisieren. Die Leitlinie nennt es „Case-Management“ – in der Praxis heißt das oft schlicht: kurze, regelmäßige Absprachen statt Kommunikation nur im Krisenfall.
4
Rollen klären, ohne Verantwortung abzuschieben. Weder Eltern noch Schulbegleitung können die Herausforderungen allein lösen. Genau deshalb braucht es klare, aber flexible Absprachen.
Ob du als Elternteil oder als Schulbegleitung liest: Die Erkenntnis, dass eure Rollen laut Leitlinie explizit zusammengedacht werden sollen, kann entlasten. Ihr müsst nicht jede:r für sich das Rad neu erfinden – ihr seid Teil eines Systems, das nur gemeinsam wirklich trägt.

Quellen

  1. AWMF (2018). S3-Leitlinie „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter“, Register-Nr. 028-045.
  2. Bundesministerium für Gesundheit (2016). Eckpunkte zur Versorgung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit ADHS.
  3. Deutsches Ärzteblatt (2018). Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung: Eingeschränkter Konsens.
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